Ich sehe nicht, was du siehst: Wie blinde Menschen unseren Content lesen

Person, die eine Braillezeile bedient

Wie würdest du diesen Text lesen, wenn du nichts oder nur sehr wenig sehen könntest? Als ich das vor kurzem jemanden fragte, stutzte derjenige: «Man hat dann wohl etwas, das einem die Texte vorliest», meinte er schliesslich. Wie das funktioniert, haben wir uns am letzten Content Production Day zeigen lassen.

Person, die eine Braillezeile bedient

Bild: Michael Eugster

Hättest du’s gewusst? Rund 15% der der Schweizer Bevölkerung sind von einer Wahrnehmungseinschränkung betroffen, ein signifikanter Teil davon von mangelnder Sehkraft. Das könnten auch bis zu 15% der Menschen sein, für die wir unsere Arbeit tun – oder mit denen wir gerne ins Geschäft kämen.

Zwei davon sind Thomas Moser und Peter Fehlmann. Die beiden sind unter anderem für den Verein Apfelschule tätig, der blinde und sehbehinderte Menschen im Umgang mit technischer Unterstützung ausbildet, namentlich Smartphones und Tablets. Vergangene Woche waren sie beim Content Production Day im Impact Hub Bern zu Gast. Dort haben sie uns gezeigt, wie sie das Web lesen und was wir in Zukunkft noch besser machen können.

«Ich weiss ja nicht, was ich nicht sehe»

Den Anfang macht Thomas. Er ist seit Geburt blind, zum Arbeiten mit elektronischen Geräten benutzt er eine sogenannte Braillezeile, mit deren Hilfe er sowohl lesen als auch schreiben kann. Uns zeigt er ausserdem, wie beispielsweise ein iPhone mit der Voice-Over-Funktion sehr gute Hilfestellung leistet: Jede Navigationsgeste wird per Sprachausgabe begleitet, sobald die Option eingeschaltet ist.

Alles kein Problem also? Nicht ganz, wie sich herausstellt: Denn wir haben sowohl technisch als auch inhaltlich einen grossen Einfluss darauf, was Thomas‘ Hilfsmittel an ihn weitergeben. Für uns versucht er, auf einer mobilen eCommerce-Seite ein Paket Kopierpapier zu bestellen. Manche Schritte klappen gut, auf dem Weg zum Produkt braucht es ein bisschen Trial und Error: Wenn der Cursor für die Sprachausgabe zu bestimmten Stellen der Seite springt, wie z.B. den Kundenbewertungen von Trusted Shops, bleibt das System stumm. Klar für uns, die wir auf die Darstellung am Beamer schauen, für Thomas jedoch ein Rätsel.

Schliesslich, nach einem kleinen Stolperer bei der gewünschten Menge des Artikels, geraten wir in eine Sackgasse: Es stellt sich als schwierig heraus, den Warenkorb zu finden, um die Bestellung abzuschliessen. «Da oben rechts», ist man versucht zu sagen und merkt im selben Moment: Das ist richtig, aber nicht hilfreich.

«Schöne grosse Bilder sind für mich leere Flächen»

Peter konsultiert daraufhin die Seite einer Krankenkasse, um eine Zusatzversicherung zu suchen. Seine Ausgangslage ist anders: Er hat rund 10% Sehvermögen, und das erst seit einigen Jahren. Den grossen Teil seines Lebens sah er «normal». Er liest kein Braille, sondern entweder stark vergrössert oder via Sprachausgabe.

Uns demonstriert er, wie er auf einer Website mit einer vierfachen Vergrösserung navigiert, um aus der Nähe die gesuchten Informationen zu entziffern. Im Laufe der Demonstration kann einem leicht schwindlig werden, denn das bedingt eine Menge suchendes Scrollen. Einen Hinweis auf das gesuchte Versicherungsprodukt finden wir schliesslich in einer Subnavigation. Von da aber wissen wir nicht weiter: «Da müsste ich jetzt wohl die Hotline anrufen», fasst Peter zusammen.

Im Anschluss macht er eine Fahrplanabfrage bei sbb.ch. Um nach dem Absenden des Formular die gewünschte Verbindungsinformation zu finden, müssen wir erst einmal den Weg aus dem prominent platzierten Werbebanner auf der Zielseite finden. Wo normal Sehende ein wenig scrollen müssen, wird die Verbindungssuche für jemanden mit geringer Sicht schnell zum Suchspiel.

Mitdenken für die Lesemaschine

Wir als Content Produzenten können nicht alle Probleme in Eigenregie lösen. Manches muss schon in der Konzeption und beim Programmieren beachtet werden, um später gut zugänglich zu sein. Doch beim Produzieren von Inhalten gehört es auch auf unsere To-Do-Liste, dafür zu sorgen, dass der Content nicht nur maschinell lesbar, sondern auch aussagekräftig ist, zum Beispiel:

  1. Die vorbestimmte Struktur einhalten

    In der Sprachausgabe haben wir gehört, wie Thomas sich Titel vorlesen lässt, um einen Überblick über eine Seite zu erhalten. Wenn wir allerdings beim Erfassen nicht die vordefinierten Titelformate verwenden, sondern lediglich Textbestandteile anders formatieren (grösser, fett,…), weiss das System nicht, dass es den Text als Titel erkennen sollte. Ihr könnt es euch vorstellen wie die automatischen Inhaltsverzeichnisse in MS Word: Die Kapitel, deren Titel ihr manuell formatiert habt, fehlen da auch.

  2. Bilder mit Informationen zu Funktion und Inhalt anreichern

    Blinde Menschen können Bilder und Grafiken nicht sehen, soweit so klar. Wenn Thomas’ iPhone ihn dann einfach darüber informiert, dass da «ein Bild» ist, kann das vieles heissen: Ein Stimmungsbild, das den Blick des sehenden Publikums auf den Inhalt lenken soll? Eine Grafik mit ergänzenden Informationen zum Text. Oder am Ende das Warenkorb-Icon, das er gerade sucht? Wir können sehr hilfreich sein, wenn wir Bildern mehr Information mitgeben: Welche Aufgabe hat dieses Bild auf der Seite? Was ist die Kernaussage? Wenn ich darauf klicken sollte, warum?

  3. Linktexte sprechen lassen

    Links sind wichtige Bestandteile von Website-Inhalten. Warum, kannst du hier nachlesen. Sorry, kleiner Scherz. Jedenfalls: Wer nicht sieht, kann sich nicht nur auf Titel, sondern auch auf Links hinweisen lassen. Bloss: Ein Link, der «mehr» oder «hier» heisst, sagt genau… nichts. Linktexte sollten daher immer eine Aussage darüber machen, was nach einem Klick auf den Benutzer wartet.

Dass Accessibility, also Zugänglichkeit, eine gute Sache ist, darüber sind sich alle einig. Am Ende allerdings fällt das Thema häufig doch von der Prioritätenliste. Man nimmt in Kauf, dass es für «ein paar Leute» vielleicht nicht so optimal funktioniert. «Ein paar Leute» könnten allerdings immer mehr Leute werden, gerade in einer Zeit, in der die Menschen immer älter werden.

Last, but not least: Auch Suchmaschinen sind letztlich blind und auf maschinelles Lesen von Informationen angewiesen. Wer also darauf achtet, dass die eigenen Inhalte zugänglich sind, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Bessere User Experience für Sehbehinderte und Blinde und einen Beitrag an die eigene Suchmaschinenoptimierung.

tl;dr

Zugänglichkeit von Web-Inhalten für Blinde und Sehbehinderte ist nicht nur Sache der Programmierer. Wer im Content lesbare Strukturen und Metafinformationen berücksichtigt, kann viel dazu beitragen.

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