Blendle? Give it a try!

Für Journalismus zahlen? Aber warum denn? Weil es Journalismus ohne Einnahmen nicht geben kann. Blendle ist eine Möglichkeit, für wenig Geld ausgesucht guten Print-Journalismus im Internet zu konsumieren. Seit gestern ist auch die NZZ mit dabei.

von Ronnie Grob, freier Journalist und Blogger

Bild: Screenshot blendle.com

Bild: Screenshot blendle.com

Gerade viele jüngere Menschen glauben ja, das, was auf Spiegel.de erscheine, sei der «Spiegel». Und das, was auf Stern.de erscheine, sei der «Stern». Das ist nicht so. Das lange Lesestück beispielsweise, das in der gedruckten «Süddeutschen Zeitung» täglich auf Seite 3 zu lesen ist, war noch nie frei online. Wer nicht die ganze Zeitung (oder nur diesen Artikel) kauft, weiss vielleicht gar nicht, was für tolle Reportagen dort jeden Tag zu lesen sind.

Journalismus muss Geld verdienen

In der Schweiz ist es ähnlich: Viele der richtig guten Artikel sind nicht online. Zwar werden auch sie manchmal via Pastebin.com online geteilt, und ja, man erhält nach wie vor alles im Internet gratis, wenn man sich bemüht. Man kann Paywalls aushebeln, neue Kinofilme, ganze TV-Serien, Musik, auch Zeitungen und Zeitschriften irgendwoher bekommen. Doch muss das sein? Ist es nicht gut, wenn Journalismus ein Geschäftsmodell hat? Also nachweisbare Nutzerzahlen ausweisen kann, mit denen Werbung zu verkaufen ist? Mit Nachbern.ch habe ich gerade erfolgreich ein Crowdfunding-Projekt hinter mir, aber mal ehrlich – das ganze Jahr über möchte ich jetzt auch nicht Geld sammeln.

Leider sind gerade längere Stücke, mit geprüften und nicht nur zusammengegoogelten Fakten, also echte, mit Sorgfalt erstellte Recherchen, für die der Journalist mehr als einen Anruf gemacht hat und vielleicht sogar vor der Tür war oder ein ganzes Buch gelesen hat (!), nach wie vor fast immer durch die Printseite in den Zeitungsverlagen finanziert. Die einzelnen, durchaus toll gemachten Online-Showcases wie «Snow Fall» (The New York Times, 2012) oder «The Needle Trauma» (Tages-Anzeiger, 2014) gibt es auch, aber sie sind Ausnahmen (mehr innovative Online-Formate im Journalismus finden sich im tinkla-Whitepaper). Online geht es oft um die in der Werbebranche wichtigen Seitenaufrufe, und die sind vor allem mit Kurzfutter und Empörungsstoff zu generieren – trotz alledem stellt sich Bannerwerbung mehr und mehr als ein Fiasko heraus. Wer mehr wissen will: ich habe dazu kürzlich eine vierteilige Serie auf Medienwoche.ch geschrieben.

Die alte Tante frisch auf Blendle

Also warum dann nicht mal auf Blendle vorbeischauen? Das Projekt zwackt den Verlegern zwar 30 Prozent ab für die Bereitstellung der Plattform. Dafür ist die – so finde ich ich jedenfalls – sehr gut programmiert. Die durchaus vorhandenen Kinderkrankheiten wird sie sicher auch noch überwinden. Seit gestern Abend ist nun auch die erste (und beste) Schweizer Tageszeitung verfügbar, die NZZ:

Sehr cool an Blendle ist die soziale Komponente. Weil jene, denen ich folge, andere Medien und Teile der Zeitung lesen als ich, schlagen sie mir via «Empfehlen»-Funktion oft Artikel vor, über die ich sonst nie gestolpert wäre. Fast so ein bisschen, als wäre Blendle ein Facebook für Zeitungsartikel.

Bei Nichtgefallen Geld zurück

Seit ich bei Blendle bin, habe ich 62 Artikel eingekauft, von der «New York Times», die meistens 19 Cent verlangt für eine Geschichte, über die FAZ, die meistens 45 Cent verlangt bis hin zur grossen «Spiegel»-Titelgeschichte, für die man 1,99 Euro hinlegen muss. Wer sich für Sparten interessiert, ist auch gut bedient mit «11 Freunde» (Fussball), «Gala» (Promis) oder «Chip» (Computer). Einige Ausgaben habe ich auch schon komplett gekauft, weil ich mich für mehrere Artikel interessiert habe und es sich dann angeboten hat, gleich alles zu kaufen. Trotzdem bin ich ein sehr wählerischer Leser. Ich klicke nur an, was mich wirklich interessiert, und wenn mir ein Artikel nicht gefällt, dann gebe ich ihn einfach zurück – und erhalte das Geld zurück. Und was haben mich alle 62 Artikel bisher gekostet? Kaum mehr als 25 Euro. Das ist doch nichts, wenn man bedenkt, dass manche Zeitschriften an Schweizer Kiosken 20 Franken und mehr kosten.

Also mein Tipp: Meldet Euch an, folgt ein paar Leuten, verbraucht das Startguthaben, und wenn ihr wie ich auf den Geschmack kommt, dann ladet doch einfach mal 50 Franken hoch und lest weiter. Give it a try! Ihr habt sicher schon für Dümmeres Geld ausgegeben als für exzellenten Journalismus.

Wer sich bei Blendle anmeldet, kann mir hier folgen: https://blendle.com/user/ronniegrob

tl;dr

Journalismus muss Geld verdienen und Blendle will eine Plattform dafür sein. Ausprobieren lohnt sich, findet Ronnie Grob.

  • Veröffentlicht in: Web

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