Facebook Live: Mit ein bisschen Planung gar nicht so schwer

Live-Fernsehen – mit den Broadcasting-Features von Social Media ist das heute für jedes Unternehmen möglich. Einige Beispiele und Hinweise zur Planung und Vorbereitung.

Bild: Michael Eugster

Knapp 3 Jahre ist es her, seit Meerkat und Periscope Livestreaming von allen und für alle aufs Smartphone brachten – und plötzlich konnten wir z.B. schwedischen Köchen beim Pizzabacken zuschauen. Inzwischen hat praktisch jede Social Plattform ihr eigenes Streaming-Feature am Start. Spätestens seit der erfolgreichen Einführung von Live-Videos auf Instagram oder Facebook Live wird uns wohl auch diese Anwendung von Bewegtbild-Inhalten weiterhin begleiten.

Das Key-Feature: Dabei sein, selbst wenn ich nicht dort sein kann

Ich stelle euch heute drei Beispiele von Übertragungen via Facebook Live vor, die mir gefallen haben und bei denen ich ein Potential für die Zukunft sehe – und was ihr bedenken solltet, wenn ihr über eine Live-Übertragung nachdenkt.

1. Event: Übertragung des Social Media Gipfel

Livestream des Social Media Gipfel vom 7. September 2016

Das ist schon eine Weile her und ein persönliches Erlebnis: Ich konnte nicht vor Ort sein und fand die Möglichkeit, dank Facebook Live reinhören zu können, sehr bereichernd. Einerseits im Livemodus, wie auch danach im direkt veröffentlichten Video. Als externer Zuschauer bekomme ich sehr schnell mit, wenn es wirklich startet und kann den Ton lauter stellen und aktiv zuhören. Schade, dass es wohl nur ein Experiment war und seitdem nicht mehr angeboten wurde.

Mögliche Stolpersteine und wie man sie überwindet

  • Tonqualität → das Smartphone-Mikrofon ist nicht immer die geeignete Variante für die Tonaufnahme. Es lohnt sich, den Ton mit einem externen Mikrofon aufzunehmen und ihn über das Mischpult abzugreifen. Das erhöht die Tonqualität.
  • Bildausschnitt → ein fixer Bildausschnitt ist wunderbar, wenn die Referenten sich nicht zu sehr im Raum bewegen. Brauchen die Akteure mehr Bewegungsfreiheit, empfiehlt sich, die Kamera zu führen.
  • Netzqualität → Für die Zuschauerinnen und Zuschauer wird es unweigerlich anstrengend, wenn das Bild ein unscharf oder gar stockend wird. Mit einem stabilen und allenfalls gar zusätzlichem Netzwerk eigens für den Videostream lässt sich dem entgegenwirken. Resultat: Das Publikum bleibt länger dran.

Für die anschliessende Publikation des Materials («watch later»)

  • Lange Videos unterteilen → Veranstaltungen/Videos mit mehreren Referenten werden schnell ziemlich lang und können allenfalls geschnitten und unterteilt werden fürs spätere Anschauen.
  • Warmlaufphase des Events entfernen → das später abrufbare Video auf die Übertragung des eigentlichen Inhalts begrenzen.

2. Remote access: Vorab-Wohnungsbesichtigung via Facebook Live

Livestream Wohnungsbesichtigung vom 24. Juni 2016 der Firma Fleischmann Immobilien AG

Die Möglichkeit, eine Immobilie vorab via Facebook Live zu besichtigen, gefällt mir sehr gut. Dieser Ansatz erlaubt einen authentischeren Eindruck als nur Verkaufsfotos oder Videomaterial aus der Konserve. Liegt das Objekt nicht gerade um die Ecke, kann ich mir schon mal ein konkretes Bild machen und entscheiden, ob genug Übereinstimmung mit meinen Vorstellungen gegeben ist, um hinzufahren und es mir live anzusehen.

Mögliche Stolpersteine und wie man sie überwindet

  • Probleme mit dem Netz → bei einem Rundgang kann die Verbindung abbrechen. Es lohnt sich, vorab die Netzabdeckung zu prüfen und allenfalls ein Backup bereitzustellen, z.B. einen Hotspot mit dem Netz eines alternativen Mobilfunkanbieters.
  • Umgebungsgeräusche können sehr störend sein → gerade bei Neubausiedlungen wird sich nicht jede Geräuschkulisse vermeiden lassen. Trotzdem empfehle ich, bei der Terminplanung abzuklären, wann das Risiko für starken Lärm am geringsten ist.
  • Perspektive→ Macht man eine Probeaufnahme wird beim Betrachen schnell klar: Die Perspektive der Zuschauer online deckt sich nicht mit der vor Ort. Beim Zeigen eines Zimmers beispielsweise muss mehr «ausgezoomt» werden, als man es hinter der Kamera einschätzt – ansonsten finden sich die Betrachter schnell mal vor einem Wandausschnitt oder einem Detail wieder, erhalten aber keinen Eindruck vom Raum als ganzes.

Für die anschliessende Publikation des Materials («watch later»):

  • Es kann sinnvoll sein, wichtige/interessante Details wie z.B. den mit dem Ausbau beauftragten Küchenbauer oder Angaben zur Ausstattung anschliessend als Kommentare oder weiterführende Details, schriftlich zu veröffentlichen.

Wer nun selber einmal der Welt ein Fenster via Facebook öffnen will, sollte sich nicht allzu sehr von den technischen Anforderungen vereinnahmen lassen. Die beiden eingangs gezeigten Beispiele zeigen es: Man braucht kein Fernsehstudio, um aus den bestehenden Möglichkeiten etwas Gutes zu machen. Einige Ideen für die Ausstattung des Live-Studios haben wir hier aufgeschrieben.

Wie kann ich dem Menschen da draussen nützen?

Vielmehr sieht der oder die Livestream-willige den klassischen Konzeptfragen gegenüber, die es auch bei dieser Aufbereitung zu berücksichtigen gilt:

  • Zielgruppe: Was sind das für Menschen?
  • Inhalt: Was brauchen und/oder wollen diese Menschen von uns? Wie kann ich ihnen das zeigen? Ist das eine einmalige Sache, oder kann / will ich ein wiederkehrendes Format daraus machen?
  • Zeitpunkt: Wie bringe ich alle Bedingungen zusammen – unseren Inhalt und einen geeigneten Zeitpunkt für mein Publikum?
  • Distribution: Wie erfahren sie von meinem Vorhaben, wie kann ich Aufmerksamkeit gewinnen?
  • Nachbereitung: Was passiert mit dem Material, soll es nachträglich verfügbar gemacht werden? Falls ja, wird es nachbearbeitet, angereichert, etc.?
  • Wieviele Ressourcen brauche ich: Unterstützung in der Technik, Kommentarmoderation etc.?

Zum Abschluss noch ein Praxisbeispiel mit einem hohen Professionalitätsgrad und viel Zielgruppenfokus:

3. Hinter den Kulissen: Livestream aus der Ballettprobe der Wiener Staatsoper

Livestream Probe der Wiener Staatsoper vom 4. Oktober 2016

Die Wiener Staatsoper hat vielen anderen Organisationen ein sehr professionelles technologisches Setup voraus. Das dürfte damit zusammenhängen, dass sie auch über ein offizielles Livestream-Angebot für ihre Inszenierungen verfügt und davon profitieren kann.

Was viele wollen, aber bisher nur wenige bekamen

Das vorliegende Beispiel ist aber vor allem ein Indiz für das konsequente Erfassen und Bedienen von Zielgruppenbedürfnissen: Kein Raum im ganzen Haus ist nämlich beim alljährlichen Tag der offenen Tür so konsequent und komplett überfüllt wie der Ballettsaal. Bis in die Gänge staut sich die Schar der Zuschauerinnen und Zuschauer, die einen Blick auf die Probe des Ensembles ergattern wollen.

Zudem benötigen die Aktivitäten im Saal auch einigermassen Platz, d.h. Raum für Publikum ist nur an den Rändern – der Zugang zum Geschehen ist quasi auf eine natürliche Weise eingeschränkt. Und ohnehin kann von Glück sagen, wer überhaupt an eine der begehrten Platzkarten für den Zutritt zum Opernhaus gekommen ist.

Was liegt also näher, als aus diese natürliche Einschränkung gezielt und zu spezifischen Anlässen aufzuheben und auch jenen Einblick zu gewähren, die in der physischen Welt «leider draussen bleiben» mussten?

Fazit: Formate und Mittel ändern sich, aber der Dreh- und Angelpunkt bleibt der Nutzen für die Zuschauerin, den Zuschauer. Wer das nicht aus den Augen verliert, hat mit den aktuellen Livestreaming-Anwendungen ein weiteres spannendes Instrument zur Hand.

tl;dr

Live Streaming via Facebook Live kann die Reichweite für örtlich oder zeitlich begrenzte Inhalte erweitern. Zentral ist die Ausrichtung darauf, was fürs Publikum wichtig ist.


1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ganz gut. Und hilfreich. Aber die Begriffe “horizontal”, “vertikal” und eine Info zum Verändern der jeweiligen Ausrichtung während der Aufnahme und dessen Auswirkung tauchen garnicht auf. Gibt es dazu auch noch Erklärungen? Das scheint nämlich für viele Anwender der größter Stolperstein zu sein. Ebenso zur Spiegelverkehrtheit der Selfie Kamera. (“Huch… warum ist das Firmenlogo denn spiegelverkehrt?”)

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