Hearables: Armbänder waren gestern. Wir tragen Computer in den Ohren.

Hearables

Wir haben eine Schwäche für Hearables – also Wearables für die Ohren. Die Here One von Doppler und die Vi von Harman Kardon haben wir ausprobiert.

von Karin Friedli und Thomas Mauch

Unsere Testkandidaten: Here One und Vi

Hearables haben es uns hier im Büro besonders angetan. Gemäss Prognosen werden sie in den nächsten Jahren einen kleinen Teil des Wearables-Marktes (Smart Watches, Armbänder, intelligente Kleidungsstücke und «Earware») ausmachen; uns faszinieren allerdings die technologischen Innovationen in dem Bereich. Wir haben zwei Modelle ausprobiert: Die kabellosen Here One von Doppler Labs und die Vi, Kopfhörer mit einem eingebauten persönlichen Trainer für Sport und Fitness.

Wir hören uns die Welt schön

Here One sind keine Kopfhörer, sondern Computer, die man sich in die Ohren steckt. Man kann damit Musik hören oder Telefonate führen, wirklich spannend ist aber die Fähigkeit, den Sound der Umgebung zu beeinflussen: «Give yourself control over the way you hear the world.» Über die dazu gehörige App lässt sich das «Real-World-Volume» einstellen, also der Mix zwischen der Musik, die man hören will, und den Umgebungsgeräuschen.

«Machine Learning» in den Ohren

Mit der Live-Mix-Funktion kann ich die Umgebungsgeräusche «remixen». Ich kann am Konzert den Bass der Band leiser oder lauter stellen: Augmented Hearing. Dazu kommen zahlreiche Smart Filter für Noise Cancelling, etwa für den Zug oder die New Yorker U-Bahn (konnte ich nicht testen, leider). Ähnlich wie James Bond kann man ausserdem die Gespräche der Leute vor oder hinter sich verstärken. Eine «Machine-learning-engine» soll helfen, die Kopfhörer nach und nach an meine Bedürfnisse anzupassen, abhängig von Ort, Zeit und Nutzung.

Screenshots aus der Here-One-App (Bild: Thomas Mauch)

Guter Sound, schwache Batterien

Für den Alltagsgebrauch aber eben auch wichtig: Die Soundqualität ist sehr gut, Musik hören macht Spass, und kommt zumindest in die Nähe von guten verkabelten Hifi-Earbuds. Ein grosser Minuspunkt bleibt: Die Batterie der Kopfhörer hält gerade mal zwei Stunden. Für den Transatlantik-Flug reicht das nicht. Das mitgelieferte Aufbewahrungs-Case dient als Ladestation und reicht für vier Mal aufladen. Allerdings benötigt es eine Stunde für eine Ladung.

Den Personal Trainer immer dabei

Bei Vi schliesslich sind die Kopfhörer nicht der Computer, aber sie hängen an einem: Die In-Ears von Harman Kardon hängen an einem Bügel, den man um den Nacken trägt; darin wiederum steckt ein sogenannter Artificial Intelligence Personal Trainer. Der Trainer ist genau genommen eine sie, bzw. eine weibliche Stimme, die Läuferinnen und Läufer begleiten und zu besseren Leistungen coachen soll.

Individualisierte Trainings-Tipps in Echtzeit

Vi läuft also mit und gibt mal mehr, mal weniger oft ihren Kommentar ab; der Geschwätzigkeitslevel lässt sich im Übrigen via App justieren. Über einen Sensor am Ohr misst sie die aktuelle Herzfrequenz, unter Einbezug von GPS und allfällig eingegebenen Zielen gibt sie Auskunft zu Pace, Fortschritt oder zu erreichende persönliche Bestzeiten. Sie lernt ihren Laufpartner, ihre Laufpartnerin kennen und passt ihre Prompts an den Trainingsstand, die Gewohnheiten und die Ziele des Users an.

Mit dem Kopfhörer reden

Und natürlich ist Vi nicht nur ein Hearable, sondern auch ein «Talkable», sie reagiert also auf Sprachbefehle. Auf die Aufforderung «step to the beat» zum Beispiel spielt sie einen Rhythmus ein, der einen an eine optimale Schrittfrequenz heranführen soll. Das funktioniert erstaunlich gut – ist die Kadenz bei einem Lauf unbemerkt zu tief, reagiert Vi auch proaktiv und fragt, ob sie Hilfestellung zum Erhöhen geben soll.

Vi muss noch schneller werden

Vi macht insgesamt recht viel Spass, aber da geht noch was: Ihre Reaktionszeit ist unterschiedlich, könnte aber grundsätzlich schneller sein – der Kommentar «you’re in hustle mode» ist mässig spannend, wenn man schon wieder im langsamen Intervall läuft. Je nach Tagesform vermisst sie sich, in der Regel nach oben – neulich zum Beispiel auf 10 km um knapp 500 m gegenüber RunKeeper, das selber auch schon eher grosszügig misst im Vergleich zu einem Garmin Forerunner.

Echtzeit-Übersetzung: Warten auf Babelfisch

Der Here One und die Vi stehen stellvertretend für die zwei grossen Innovationsstränge, an denen die Hearable-Anbieter zur Zeit arbeiten: Gesundheit und Übersetzung. Die Entwickler des Here One seien daran, Echtzeit-Übersetzung einzubauen. Konkurrenzprodukte, wie der Dash Pro von Braghi sind bereits seit einigen Wochen auf dem Markt, der «Translate One2One» des australischen Startups Lingmo steht kurz vor der Markteinführung. Das New Yorker Unternehmen Waverly hat 2016 über vier Millionen US-Dollar in einer Crowdfunding-Kampagne für ihren «Pilot» eingesammelt. Sie alle versprechen, gesprochene oder geschriebene Sprache in Echtzeit zu übersetzen, je nach Konzept mit oder ohne Internet-Verbindung. Douglas Adams’ Babelfisch wird Realität.

Steigt Apple in den Hearables-Markt ein?

Gesundheit beziehungsweise Fitness ist die zweite grosse Anwendungskategorie der Hearables. Neben den Vi-Entwicklern Lifebeam haben auch Jabra oder Samsung entsprechende Produkte am Start. Zudem verdichten sich die Hinweise, dass Apple die erfolgreichen AirPods mit entsprechenden Funktionen upgraden will. Offenbar sind Patente aufgetaucht, nach denen zukünftige AirPods mit biometrischen Sensoren für Herzfrequenz oder Körpertemperatur ausgestattet sein sollen. Angesichts der Marktmacht von Apple könnte ein solcher Produktlaunch im Hearables-Markt ziemliche Wellen schlagen.

Der Wearables-Markt soll sich bis 2021 verdoppeln

Der Wearables-Markt insgesamt schmiegt sich bis anhin vor allem um den Arm des Konsumenten. Armbänder und Smart Watches dominieren. Bis 2021 sehen die Marktforscher von IDC vor allem Wachstum bei Uhren und intelligenten Kleidungsstücken; Armbänder werden Marktanteile verlieren. Der Marktforscher IDC schätzt, dass 2017 125,5 Millionen Einheiten verkauft werden, rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Bis 2021 soll sich der Wearables-Markt  auf 240 Millionen abgesetzte Einheiten verdoppeln. Aktueller Marktführer ist der chinesische Konzern Xiaomi. Mit einem Marktanteil von 17 Prozent haben die Chinesen Fitbit und Apple überholt.
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Vor einigen Tagen hat wareable.com einen grossen Test mit fünf Hearables und Smart Earbuds, darunter der Here One und die Vi, publiziert.

tl,dr

Dein nächster Kopfhörer spricht mit dir, übersetzt für dich und motiviert dich zum Sport. Und ja, er kann auch Musik.

  • Veröffentlicht in: Web

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