Kuratieren, Kontext und Community: Experimente aus der Medienwelt

Abstrakte Illustration

Start-Ups experimentieren im Medienbereich mit neuen Formen und Formaten – und bieten Inspiration für die Unternehmenskommunikation.

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Bild: Lynn bei flickr.com

Die Medienwelt ist im Umbruch. Das ist keine neue Erkenntnis, über die Mühen und Probleme von Verlagshäusern lesen wir genug. Was aber häufig untergeht: In der Branche wird auch experimentiert. Fast wöchentlich taucht ein Start-Up mit einer neuen App oder einer neuen Darstellungs- oder Erzählform auf. Grund genug, sich einige näher anzusehen. Die folgende Auswahl ist subjektiv – es sind diejenigen, die mir in den letzten Wochen und Monaten aufgefallen sind. Die Auswahl ist auch nicht vollständig. Trotzdem steht sie meiner Meinung nach für einzelne Trends und Entwicklungen, die sich manifestieren.

Inspiration für die Unternehmenskommunikation

Für die Unternehmenskommunikation sind diese Entwicklungen relevant. Inhalte und medienähnliche Angebote spielen dort eine immer grössere Rolle. Entsprechend werden diese Publikations- und Arbeitsformen auch dort Einzug halten. Neue Formen und Formate aus der Medienwelt bieten immer Potenzial, gewinnbringend in der Online-Kommunikation eingesetzt zu werden. (Eine Übersicht bietet unser Whitepaper «Online-Formate für wirkungsvolles Storytelling».) 

Kuratieren und Kontext schaffen

Eine Frage, die viele dieser neuen Angebote beantworten wollen, ist die nach Übersicht und Kontext: Wie schaffe ich es als Leser, in dem nicht versiegenden Strom von News und Berichten den Überblick zu behalten? Was ist wirklich wichtig, was ist relevant für mich? Viele dieser Apps und Publisher wollen deshalb für mich das Relevante auswählen und allenfalls noch Hintergrundinformationen dazu liefern.

Niuws – von Experten und Expertinnen ausgewählte Artikel

NiuwsBeginnen wir mit den einheimischen Gewächsen. Niuws ist eine Schweizer App, die sich dem Kuratieren verschrieben hat. Experten wählen jeden Tag die drei bis fünf relevanten News in ihrem Fachgebiet aus. In der Regel werden die ausgewählten Artikel mit einem kurzen Kommentar versehen. Für jedes Themengebiet gibt es eine Box, der ich als User folgen kann. Zur Zeit werden rund 40 Boxen gepflegt. (Offenlegung: Wir kennen einige der Macher von Niuws, man darf uns milde Voreingenommenheit unterstellen.)

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This.cm – ein Netzwerk für Kuratoren

this.cmThis.cm ist kein Medienhaus und beschäftigt keine Journalisten oder Kuratoren. This.cm ist ein soziales Netzwerk, in dem Nutzer lesenswerte Artikel teilen können. Das Besondere daran: Pro Tag kann ich als Nutzer nur einen Artikel teilen. Übersicht soll sich hier durch Beschränkung einstellen. Ich folge anderen Nutzern und erhalte daraus meine persönliche Leseliste. Ich kann die Empfehlungen aller this.cm-Nutzer sehen, einen Artikel «reThisen» oder mich für einen Lesetipp bedanken. Ein Skript für die Lesezeichen-Leiste des Browsers erleichtert das Teilen.

 

Shuffle.com – News im Tinder-Style

Shuffle.comShuffle.com ist eine Smartphone-App, die mir die relevanten Stories liefern soll. Anders als bei Niuws steht allerdings ein Algorithmus dahinter. Basierend auf Interessen, dem aktuellen Aufenthaltsort oder den Interessen meiner Shuffle-Freunde werden passende News vorgeschlagen. Der Algorithmus soll mich mit der Zeit besser kennen lernen: Mit Tinder-artigen Gesten (Swipe links für schlecht, rechts für gut) tue ich als Leser mein Interesse kund. Eine Später-Lesen-Liste vervollständigt das Feature-Set.

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Discors – News aggregieren und anreichern

DiscorsDiscors aggregiert ebenfalls aus Drittquellen. Die Geschichte wird allerdings durch weitere Aspekte ergänzt: Zur AP-Meldung eines Ereignisses kommen Kommentare aus weiteren Medien dazu und Hintergrundartikel, Bilder, Videos oder Cartoons werden mitgeliefert. Discors will Partnerschaften mit Medienhäusern eingehen und so Zugriff auf möglichst viele Quellen haben. Das Konzept ist nicht neu: Circa und Vox versuchen sich ebenfalls in diesem Genre des «Erklärjournalismus». Discors hat auch die übliche Darstellung der Inhalte in Karten übernommen.

 

Kampf um Zeit und Aufmerksamkeit

Die meisten dieser Start-Ups wollen sich einen Platz auf dem Homescreen meines Smartphones ergattern und sich einen Teil meines Zeitbudgets für Medienkonsum sichern. Da Smartphone-Nutzer inzwischen ihre Medien-Routinen entwickelt haben, wird das die entscheidende Frage sein: Können sie ihre «eingesessenen» Konkurrenten wie Zeitungs-Apps oder RSS-Reader verdrängen? Mehrwert bieten sie meiner Meinung nach alle, insbesondere das Modell der handselektierten News von Niuws und this.cm sticht hervor: Das Vertrauen in die Auswahl wird dadurch verstärkt, dass «reale» Experten für die Auswahl einstehen. News-Apps, die auf Algorithmen basieren, müssen sich zuerst beweisen.

Journalismus ausschliesslich in Social Media

Eine andere Entwicklung sind Publikationen, die ohne eigene «Homebase» auskommen wollen – also ohne Printpublikation, aber auch ohne Website. Sie «leben» auf Drittplattformen wie Social-Media-Netzwerken und bauen dort Communities auf oder werden Teil von bestehenden Communities.

Reported.ly – das andere First Look-Projekt

reported.lyReported.ly gehört zu der von Pierre Omidyar finanzierten First Look Media. Gründer und Chefredaktor Andy Carvin wurde durch seine Berichterstattung zum arabischen Frühling bekannt: Für seine Arbeit baute er sich via Social Media ein Netzwerk von Quellen vor Ort auf und nutzte soziale Medien zur Verbreitung der News. Dieses Prinzip will Carvin bei Reported.ly anwenden: Die Redakteure arbeiten vor allem auf Twitter, suchen und verifizieren dort ihre Stories und verbreiten sie über diese Kanäle. Für längere Texte nutzen sie Medium, seit einigen Wochen gibt es allerdings nun doch einen eigene Website.
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SAC.Media – Studentenzeitung ohne Print und Website

SAC.MediaVon Reported.ly inspiriert hat die Redaktion der Studentenzeitung des Mt. San Antonio College in Kalifornien die Print- und die Online-Ausgabe gestrichen. News werden via Twitter verbreitet und für längere Texte wird ebenfalls Medium genutzt. Hashtags übernehmen dabei die Aufgaben des Zeitungsbundes in der Printwelt. Unter dem Namen SAC.Media verfolgen die Studierenden in ihrer Berichterstattung einen «hyperlokalen» Approach, als Hashtags werden vorwiegend Orte verwendet. Service-Tweets – etwa zu den Ausleihfristen der Bücherei – sind ebenfalls Bestandteil des publizistischen Angebots.

 

Ist das der Journalismus der Zukunft?

Reported.ly und SAC.Media berichten schnell und direkt. Selbst wenn sie so wie die Redakteure von Reported.ly Fakten gründlich prüfen und verifizieren, sind ihre News schneller bei den Lesern und Leserinnen als diejenigen von herkömmlichen Medienhäusern. Die «Einbettung» in lokale oder themenbezogenen Online-Communities erfordert Aufbauzeit, bietet dann aber Zugang zu schier unerschöpflichen Quellen. Investitionen für den Aufbau einer Online-Präsenz sind nicht nötig, wenn auf Plattformen wie Twitter und Medium gesetzt wird. Dafür entsteht die Gefahr von Abhängigkeiten, sei es in Form von Einschränkungen, was publiziert werden darf bis hin zu der Frage, was bei der Schliessung einer Plattform geschieht. Und was für viele Medienhäuser wohl ausschlaggebend ist: Ohne eigene Website sind die Monetarisierunsgmöglichkeiten eingeschränkt beziehungsweise nicht vorhanden.

Ideen für die Unternehmenskommunikation

Das Auswählen und damit auch die Bewertung von relevanten News ist ein Bereich, der für die Unternehmenskommunikation gute Chancen bietet. Verfolgt man das Ziel, in der eigenen Nische eine Expertenposition einzunehmen, kann das Teil einer Publishing-Strategie sein. Niuws und This.cm geben Hinweise, wie man das umsetzen kann: Wird von Menschen gefiltert und kommentiert, ist es leichter, Vertrauen zu schaffen. Entscheidend ist meiner Meinung nach die von This.cm drastisch umgesetzte Beschränkung: Weniger ist mehr.

Reported.ly und SAC.Media zeigen, was gutes Community Management sein kann und wie man es nutzt, um Geschichten auf Social Media zu erzählen. Es gelten nach wie vor die Grundsätze journalistischen Arbeitens: Fakten prüfen und Geschichten verifizieren. Dazu kommt die Arbeit in der Community – Netzwerke aufbauen und Vertrauen erarbeiten. Im Grunde genommen ist ein solches Vorgehen auch für Unternehmen denkbar. Geschichten entstehen in Zusammenarbeit mit der Community. Die gewählte Taktik, bestehende Plattformen wie Medium zu nutzen, bietet ausserdem Zugang zu einem grösseren Publikum. Die Arbeit, Menschen auf die eigene Website zu locken, entfällt, schafft aber auch Abhängigkeiten.

tl;dr

Werde zum menschlichen Filter für Online-News und erarbeite dir eine Expertenposition in der Online-Community. Medien-Start-Ups zeigen, wie’s geht.

  • Veröffentlicht in: Web

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