Die Kochshow 2.0 – SwedishFoodTV auf Meerkat

Während wir noch über Hochformate und eventuelle Business Cases von Streaming-Apps fürs Smartphone nachdenken, haben ein paar findige Schweden entschieden, einfach mal was auszuprobieren. Ein paar Gedanken zu SwedishFoodTV, einem ernsthaften Versuch für ein Meerkat-Konzept.

Bild: Screenshots @SwedishFoodTV on Meerkat

Bild: Screenshots @SwedishFoodTV on Meerkat

Es ist kurz nach zehn, «Sunny morning & restaurant tour @ Trattorian». Victor, Koch im Stockholmer Restaurant «Trattorian» macht einen Restaurant-Rundgang mit uns. Der Blick auf die Sonnenterrasse (heute offen!), die Bar, der Kamin, das Spirituosenregal, der Restaurantteil. Wenn Victor mit seinem iPad allzu schnell läuft, wird man manchmal ein bisschen seekrank, aber man gewöhnt sich daran.

Später, wenn die mise-en-place anfängt, wird er uns mit in die Küche nehmen und das Gerät dort befestigen – wie jeden Tag. Denn «Trattorian» streamt seit einigen Wochen den grössten Teil ihrer Servicezeit via Meerkat.

Sichtbarkeit und Beziehungsaufbau

Victor ist natürlich nicht zum Spass hier. Einmal in der Küche angekommen, geht er seinem gewohnten Tagwerk nach – mit der Unterschied freilich, dass er sich mit diesem iPad unterhält, sprich: mit uns. Er hält inne, liest Userfragen und gibt Antwort. An ruhigen Tagen erklärt er Interessantes über Stockholm, Zubereitungsarten von Lebensmitteln oder einfach, was ihm gerade so durch den Kopf geht. 

Am letzten Wochenende zum Beispiel hat er seinem Publikum gezeigt, wie er ein Steak zubereitet. Neulich gab es offenbar eine Anleitung zum Sous-vide-Garen, die Begutachtung des Resultats folgte Tags darauf und gibt es hier zum nachgucken:

Und ja, dieses sonderbare Hochformat, das muss so sein – sowohl Meerkat als auch das twitter-eigene Pendant brechen mit dem klassischen Landscape-Videomodus.

Jedes Auge zählt

Gestartet ist das Projekt Ende März; laut meinen Stichproben schauen momentan je nach Tag und Zeit zwischen 20 und 80 Leute aus aller Welt Victor und seinen Kollegen zu, Tendenz steigend. Einige sind offenbar bereits virtuelle «Stammgäste». Bei einer Fragestunde möchte jemand wissen, warum die das eigentlich machen. Victor sagt (im Originalton, sozusagen): «We make the restaurant visible in the world. Every eye counts.» Jedes Auge zählt.

Ausserdem erzählt er: «Wir dachten, wir probieren das einfach mal aus. Es macht Spass und die Leute mögen es! Wir wollen das bald grösser machen, gemeinsam mit anderen Restaurants aus Stockholm. Wir kennen uns hier alle, sind gut vernetzt.» Auch Reisen hat er schon geplant: «Im Sommer fahren wir mit euch nach Gotland, wo viele unserer Produkte herkommen.»

Und was bringt die Mühe?

Social Media in der Gastronomie ist in der Regel ein zweischneidiges Schwert. Die Ressourcen sind fast immer knapp bemessen und die Gäste interessieren sich – wenn sie denn mal da sind – nicht dafür, ob sich noch mal eben jemand um Twitter, Facebook, Instagram oder Meerkat kümmern muss. Dementsprechend gilt es, Mittel und Wege zu finden, die Instrumente mit minimalem Mehraufwand wirkungsvoll einzusetzen.

Ob das hier gegeben ist, kann ich von aussen nicht beurteilen. Eine konkrete Gegenüberstellung von Aufwand und Ertrag* wird es sicherlich noch nicht geben. Meerkat ist ein ganz frischer Player auf dem Markt und das Projekt noch jung – ausserdem bleibt abzuwarten, ob die Jungs aus der Trattorian-Küche auf Dauer genügend Entertainment-Futter für uns haben, damit wir ihnen treu bleiben. Zumindest scheint es in der Küchencrew einige «natural born broadcasting talents» zu geben.

Da geh ich mal hin

Und last, but not least sind die neuen Streaming-Dienste noch Nischeninstrumente. Wieviele User sie im Endeffekt anziehen und zu halten vermögen, muss sich noch zeigen. Was ich aber immerhin sagen kann: Der Zufall will es, dass ich die ersten paar Tage meiner diesjährigen Sommerferien in Stockholm verbringe, und ein Essen bei Trattorian ist auf jeden Fall schon mal fest eingeplant.

 

@SwedishFoodTV auf Meerkat

@SwedishFoodTV auf Twitter

 

*2013 hat Tobias Roder vom Berner Wartsaal Kaffee am Social Media Gipfel über seine Social-Media-Strategie und Erfolgskontrolle gesprochen: Zum Rückblick mit Video auf socialmediagipfel.ch

tl;dr

Ein Stockholmer Restaurant zählt darauf, dass ein Live Stream aus der Küche ihnen mehr Bekanntheit und neue Gäste bringt. Dazu nutzt die Küchencrew den kürzlich lancierten Dienst Meerkat. Authentizität und geschicktes Community Building zeigen erste Resultate.

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