Podcasting: Wie dein Inhalt zu fremden Ohren kommt

Als wir Adam Keel zum letzten Content Production Day eingeladen haben, geschah das auch ein wenig aus Eigennutz: Wir wollten aus erster Hand wissen, wie lang oder kurz der Weg zum eigenen Podcast ist – und ob er sich lohnt.

«Also eigentlich wollten wir vor allem darum einen Podcast machen, weil wir viel lieber über Themen sprechen, als darüber zu schreiben.» Adam Keel ist entwaffnend ehrlich, als er uns anlässlich des letzten Content Production Days in Bern einen Einblick in das Podcastprojekt bierabvier gibt, das er zusammen mit Pascal Scheiber seit rund sechs Monaten betreibt.

Eingeladen haben wir ihn, weil die meisten von uns regelmässige Konsumentinnen von verschiedenen Podcast-Formaten sind; manche von uns hätten gerne selber eins, umgesetzt hat es bisher niemand. Und jetzt wollten wir es auf den letzten Metern nochmals wissen: Was braucht’s denn jetzt wirklich dazu – und warum ist es so schwierig?

Podcasten ist keine Wissenschaft

Wenn es nach Adam geht, ist allerdings nichts besonders schwierig daran. Er bringt nur bedingt Verständnis für unsere zahlreichen Hemmungen auf, plaudert aber bereitwillig aus dem Nähkästchen. Genau darauf haben wir spekuliert: Was also brauchst du, um zu deinem eigenen Podcast zu kommen? 

1. Ein Thema

logo bierabvier itunesDa geht’s natürlich schon los. Grad neulich haben wir ja andernorts wieder gelesen, wie nervig all diese neumodischen Laber-Podcasts seien. Und nein, manches brauche ich persönlich auch nicht: «Wir sind zwei Mode-Bloggerinnen aus Berlin, die (…) unsere Gespräche über ihren Alltag interessant genug finden, um sie mit der Welt zu teilen.» Meh.

Auf der anderen Seite sagt Adam richtigerweise: Für jedes Thema gibt es ein Publikum. Und wenn ich es nicht bin, dann höre ich halt nicht hin. Wäre ja auch blöd.

Adam und Pascal jedenfalls laden sich nahezu jede Woche einen Gast ein. Jemanden, der sie interessiert, häufig irgendwo im Umfeld von digitalen Medien und/oder Journalismus. Das Interesse am Gegenüber und seinem Wissen ist zwar beiläufig erwähnt, aber äusserst zentral: Wer bierabvier hört, hört den beiden nämlich nicht etwa beim Labern, sondern beim Lernen zu. Und das wiederum ist etwas, was das gesprochene Wort beeindruckend gut transportiert.

2. Ein wenig Technik

Was die Technik angeht, tut es ein Computer, ein handelsübliches USB-Mikrofon und ein Schnittprogramm, z.B Garage Band für Mac OSX oder Audacity für OSX oder Windows, beide sind kostenlos zu haben.

Alternativ dazu benutzt du dein Smartphone und eine App; die einfachste Variante dürfte Anchor sein. Die Anwendung wurde ursprünglich als eine Art Twitter für Sprachnachrichten lanciert, hat sich aber in der Zwischenzeit zu einem veritablen One-Stop-Shop fürs Podcasten umgebaut, inklusive Call-in-Funktionen für die Hörerinnen und Hörer und andere Gimmicks.

Ansonsten empfiehlt Adam eine App namens Ferrite Recording Studio (iOS), die einen Aufnahme, Schnitt und Nachbearbeitung in einem Guss erledigen lässt. bierabvier wird denn auch mit Hilfe von Ferrite auf einem iPhone (oder mehreren) und mit lediglich ein bis zwei externen Mikrofonen produziert.

3. Hosting & Distribution

Damit deine Hörerinnen und Hörer deinen Podcast abonnieren können, muss dieser als RSS-Feed verfügbar sein. Jede neue Folge ergänzt diesen Feed und die sogenannten Podcatcher (iTunes, Overcast, Spotify etc.) werden automatisch darüber informiert. Damit deine Daten irgendwo im Web «liegen» und der RSS-Feed generiert werden kann, braucht dein Podcast also ein Hosting.

Auch hier gibt es mehrere Varianten:

a) Du hostest deine Podcast-Inhalte auf deinem eigenen Serverplatz und nutzt einen RSS-Feed-Generator; bierabvier zum Beispiel nutzt das WordPress-Plugin PowerPress Podcasting by Blubbry. Der Nachteil: Nicht alle Webserver sind einem spontanen Traffic-Ansturm gewachsen, wenn es mal gut läuft und eine Folge besonders einschlägt.

b) Du kannst aber auch ein Abo bei einem der zahlreichen Podcast-Hoster lösen und deine Podcast-Episoden bequem dort hochladen. Der RSS-Feed wird dann automatisch erstellt und die Hostinganbieter übernehmen in den meisten Fällen auch direkt die Distribution an Services wie iTunes, Google Play und Spotify.

A propos Distribution: Nur weil dein RSS-Feed die aktuellen Folgen automatisch ausliefert, heisst das natürlich nicht, dass du selber nichts zur Berühmtheit deines Audioformats beitragen musst. Die Aufgabenstellung ist wie mit allem anderen Content auch: Du sorgst über dein Netzwerk dafür, dass die frohe Kunde das Publikum erreicht. Bei bierabvier heisst das zum Beispiel auch: Die Gäste dazu animieren, ihren Auftritt weiterzuerzählen.

4. Erfahrung

Und wie kriegt man die? Indem man einfach anfängt natürlich. Ein paar Tipps und Warnungen vor möglichen Fallstricken haben wir allerdings an Ort und Stelle mit auf den Weg bekommen:

  • Wenn du mit dem iPhone aufnimmst, schalte den Flugmodus ein.
  • Wenn das Display eines Aufnahme-iPhones plötzlich schwarz wird, ist der Akku durch und, äh, es nimmt dann nicht mehr auf.
  • Wenn du eine Aufnahmedatei auf dem Gerät sehen kannst, exportiere sie sofort.
  • Wenn du auch bei geschlossenen Podcast-Ökosystemen wie Spotify gelistet werden willst, wähle einen Hosting-Anbieter, der das gewährleistet.
  • Durchmoderierte High-End-Produktionen sind was fürs Radio; Podcasts gewinnen durch Authentizitiät und Unmittelbarkeit (nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit und Schludrigkeit).
  • Hole dir regelmässig Feedback von Freunden und Hörerinnen ein, um dein Format weiterzuentwickeln.

Und lohnt sich das?

Dein eigenes Podcast-Projekt (oder auch nur -Experiment) zu starten lohnt sich beispielsweise dann,

  • wenn du eine Geschichte zu erzählen hast, die von einer rein auditiven Darstellungsform profitiert (z.B. Originaltöne, Stimmung etc.)
  • wenn du genug geeignete Inhalte oder eine Idee hast, um dein Thema konsistent über längere Zeit zu tragen
  • wenn du eine Zielgruppe bedienen willst oder musst, die mehr Zeit und Gelegenheit zum hören als zum lesen hat.
  • wenn du in deinem Unternehmen verantwortlich für die Konzeption von neuen Formaten bist, aber Audio nicht aus eigener Erfahrung kennst und deshalb auch nicht qualifiziert dazu beraten kannst.

Mikrofonscheu ist kein Argument dagegen, denn das haben fast alle. Viel Spass!

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