Sechs wichtige Videoplattformen und ihre Besonderheiten

Man kann gar nicht so schnell schauen, wie Plattformen im Netz ihre Videofunktionen ausbauen. Bewegte Bilder sind eines der Trendthemen der Stunde und dieser Artikel gibt einen Überblick über einige der wichtigsten Anbieter: YouTube, Vimeo, Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat. Jede davon hat ihre ganz spezifischen Stärken und Schwächen.

Bild: ltcoljhm91 bei Pixabay; CC0

Jan Tissler

.

von Jan Tißler, freier Tech-Journalist in San Francisco, Mit-Herausgeber UPLOAD Magazin
.

Eines kann man gleich am Anfang festhalten: Es gibt nicht die eine, «beste» Videoplattform. Für alle hier genannten gilt: Es gibt gute Gründe, sie zu nutzen. Es gibt aber ebenso viele Fälle, in denen sie keine Rolle spielen. Am Ende kommt es sehr darauf an, was und wen man erreichen möchte und welche Ressourcen zur Verfügung stehen.

Die Auswahl in diesem Artikel beschränkt sich auf Angebote, die man dem Social Web zuordnen kann. Es sind nicht reine Hosting-Plattformen, bei denen man Videos ablegt. Es sind Netzwerke, mit denen man Nutzer erreichen und seine Botschaften verbreiten kann.

YouTube: Der Klassiker

Im Vergleich zur modernen Konkurrenz wirkt YouTube konservativ. Die Welt dreht sich hier hauptsächlich um Videos, die man produziert und hochlädt. Eine Funktion für Live-Videos gibt es, sie spielt aber nur eine Nebenrolle. Dafür glänzt sie mit professionellen Möglichkeiten.

Den Trend hin zu mobilem Video scheint man bei YouTube aber entweder zu übersehen oder aktiv zu ignorieren.

YouTubes grosse Stärke ist seine enorme Reichweite als zweitgrösste Suchmaschine der Welt, direkt nach Google. Videos werden hier oft nach langer Zeit von den Nutzern erneut gefunden. Insofern bieten sich «immergrüne» Inhalte zu viel gefragten Themen an. Auch Inhalte zu aktuellen Geschehnissen können hier gut ankommen.

Alles in allem ist die Vielfalt bei YouTube so gross, dass sie sich nicht in wenige Sätze pressen lässt. Wer «Video» sagt, meint jedenfalls weiterhin oft «YouTube».

Vimeo: Die Profi-Plattform

Vimeo hat seit jeher im Schatten von YouTube gestanden und das ist heute noch so. Ebenso wie die schier übermächtige Konkurrenz, ist Vimeo ein «klassisches» Videoportal.

Sein grosses Plus ist, dass es sich vor allem an Profis richtet. Die Community ist zwar viel kleiner als bei YouTube, dafür etwas feiner. Hier tauschen sich auch mal Filmemacher untereinander und mit ihren Fans aus. Zudem ist das Umfeld weniger bunt und schrill und mit Werbung zugekleistert.

Nicht zuletzt bietet Vimeo kostenpflichtige Features, die es bei YouTube auch für Geld nicht gibt. So kann man beispielsweise festlegen, dass ein Video nur auf einer bestimmten Seite abgespielt werden kann. Oder man kann seine Vimeo-Profilseite so anpassen, dass Vimeo selbst nirgends mehr auftaucht. Man hat hier also eine Community plus die Funktionen eines Hosting-Services.

Facebook Video: Der Aufsteiger

Das weltgrösste Social Network scheint immer ein wenig in Panik, wichtige Trends zu verpassen. Man will eben nicht zum nächsten Friendster oder MySpace werden. Video spielt hier deshalb zunehmend grosse Rolle, aber doch ganz anders als bei YouTube oder Vimeo.

So sind Facebooks Videos derzeit praktisch nicht aktiv auffindbar, vielmehr werden sie den Nutzern nach bekanntem Muster auf die Startseite gespült. Die Mehrheit schaut diese Videos übrigens ohne Ton – denn im Gegensatz zu YouTube oder Vimeo haben die Zuschauer ja nicht aktiv nach solchen Inhalten gesucht. Insofern sind Untertitel Pflicht. Zudem sind vor allem sehr kurze Videos angesagt.

Darüber hinaus baut Facebook seine Live-Video-Funktionen weiter aus. Mit ihnen soll man jederzeit ganz einfach auf Sendung gehen können.

Kurioses, Emotionales, Wissenswertes, Erstaunliches, Tiefsinniges, Albernes – solche Dinge funktionieren auf Facebook gut. Und das bitte kurz und kompakt.

Twitter: Die Echtzeit-Plattform

Die Identitätskrise gehört zu Twitter wie das berühmte 140-Zeichen-Limit: Es hat so oft die Richtung geändert, dass es oftmals selbst nicht mehr zu wissen scheint, wozu es gut ist. Seine Stärke sind Informationen in Echtzeit. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich Twitter derzeit am liebsten als Newsquelle sehen will und gar nicht mehr so sehr als soziales Netzwerk.

Wie bei den Texten ist auch bei Videos alles auf Kürze ausgelegt: Maximal 2:20 Minuten dürfen es sein. Hinzu kommt der Minivideo-Dienst «Vine»: Hier sind es sechs Sekunden in Dauerschleife. Nachdem Vine zunächst ersatzlos eingestellt werden sollte, wird es nun zur Kamera-App mit Verknüpfung zu Twitter umfunktioniert. Das Live-Video-Angebot «Periscope» wiederum wurde gerade testweise direkt in die Twitter-App integriert. Ob es als separater Dienst erhalten bleibt, steht noch in den Sternen.

Das grösste Plus eines Video-Engagements auf Twitter ist derzeit, dass man damit aus der Masse hervorstechen kann, denn im Gegensatz zu Facebook sind die bewegten Bilder hier doch eher selten zu sehen. Ansonsten dürften die Tipps gelten, die auch für das weltgrösste Social Network gelten: Kurz soll es sein, und im Fall der Fälle auch ohne Ton funktionieren.

Instagram: Wo die Bilder laufen lernen

Die Mobile-Foto-Community Instagram wurde in den letzten Monaten von seinem Besitzer Facebook enorm erweitert. Eine Video-Funktion gibt es schon länger. Die Clips können inzwischen bis zu 60 Sekunden lang sein.

Noch recht frisch ist das von Snapchat abgekupferte «Stories»-Feature»: Hier kann man Fotos und 10-sekündige Videos in einer Art Diaschau aneinanderreihen. Die Inhalte verschwinden nach 24 Stunden von allein. Wer mag, ergänzt diese Werke mit Skizzen und Texten. Ausserdem findet sich neuerdings eine Live-Video-Funktion, bei der die Videos nicht aufbewahrt werden. Das Schnelle, Bunte und Vergängliche soll vor allem die Snapchat-Generation ansprechen.

Instagram ist generell für die Nutzung unterwegs gedacht, weniger für vorproduzierte Inhalte. Zugleich aber ist der Anspruch an den Content stets gestiegen: Erfolgreiche Instagramer inszenieren ihre Fotos und Videos so professionell wie anspruchsvoll. Ästhetisch soll es sein.

Bei den Stories darf es dagegen unfertig sein, Ecken und Kanten haben. «Authentisch» wird das gern genannt. Dafür muss man die Inhalte für die Stories aber zwingend in der App aufnehmen, während man seine Fotos und Videos beim klassischen Teil von Instagram auch aus der vorhandenen Bibliothek hochladen kann.

Sehr wichtig sind bei Instagram die Hashtags: Darüber macht man seine Inhalte auch jenseits der eigenen Follower sichtbar.

Snapchat: Geisterhafter Rebell

Bei Snapchat ist vieles anders als andernorts – so anders, dass so mancher schon an der Bedienung der App scheitert. Und selbst wenn die gelingt, bleiben doch viele Fragezeichen zurück.

Die App setzt voll und ganz auf visuelle Inhalte. Das Mutterunternehmen Snap Inc. bezeichnet sich gar inzwischen als «Camera Company» und hat eine Plastik-Sonnenbrille mit eingebauter Videokamera herausgebracht. Da hat man wohl noch einiges mehr vor.

Für Unternehmen und andere professionelle Nutzer ist Snapchat dabei so sperrig wie sonst kein anderes Angebot und das wahrscheinlich mit Absicht. Man rollt den sonst viel umworbenen «Influencern» hier nicht den roten Teppich aus. Und für Firmen gibt es wenig Angebote.

Vorteil für die Nutzer: Ihnen bleiben allzu glatt geschliffene Inhalte erspart. Hier geht es um das, was man andernorts nicht sieht. Blicke hinter die Kulissen. Geständnisse um Mitternacht. Unsortierte Gedanken. Eindrücke im Hier und Jetzt.

Erreichen kann man vor allem jüngere Nutzer. Aber Snapchat ist definitiv keine Plattform, die man mal eben nebenbei mitbetreut. Das braucht schon Durchhaltewillen, Kreativität, Spontaneität.

Fazit

Es sollte wohl deutlich geworden sein: Es gibt viele Möglichkeiten, mit bewegten Bildern aufzutrumpfen. Dabei ist es aber wichtig, sich genau anzuschauen, welches Angebot zu den eigenen Zielen und Möglichkeiten passt. Facebooks Video-Funktionen stehen zum heutigen Stand der Dinge jedenfalls nicht in direkter Konkurrenz zu YouTube. Und Snapchat braucht ganz andere Inhalte als Twitter.

Und wer noch mehr erfahren möchte: Beim UPLOAD Magazin hatten wir gerade einen Themenschwerpunkt «Video im Marketing».

tl;dr

Schau bei den Video-Angeboten genau hin, was gefragt ist. Dann entscheide, ob das zu deinen Zielen und Möglichkeiten passt. Es gibt kein «bestes» Videoportal, nur unterschiedliche Plattformen für unterschiedliche Bedürfnisse.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hey Jan,

    ein sehr gelungener Artikel finde ich! Aber du hast da einen Fehler, der aus meiner Sicht wichtig ist: es ist sehr wohl möglich vorproduzierte Inhalte in die Instagram-Stories zu laden. Einfach nur Videos die in den letzten 24h in deiner Handy-Gallerie gespeichert wurden.

    Liebe Grüsse
    Andi

  2. Hallo Andi,

    vielen Dank für den Hinweis! Kannst du mir sagen, wo ich das finde? Ich habe jetzt gerade deshalb die „Story-Kamera“ in der Instagram-App geöffnet und ich konnte diese Option nirgends entdecken. Gibt es da vielleicht Unterschiede zwischen Android und iOS? Ich habe ein iPhone.

    Viele Grüße,
    Jan

Schreibe einen Kommentar