Snapchat – ein neues Medium für Journalisten?

Snapchat ist ist nicht nur eine Messaging-App, sondern will auch ein Kanal für Medienhäuser sein. Aber können Erwachsene überhaupt mit Snapchat umgehen?

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von Jan Tißler, freier Tech-Journalist in San Francisco, Mit-Herausgeber UPLOAD Magazin

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«Das versendet sich», sagen die Kollegen beim Radio gern. Meint: Wenn mal etwas nicht so gut geworden ist oder man gar einen Fehler eingebaut hat, ist es nicht so wild. Ähnlich hat man mir das damals bei der Tageszeitung in meinen Lehrjahren erklärt: «Mit der Zeitung von heute werden morgen die Fische eingewickelt.» Fehler passieren. Sollten sie nicht, ist aber menschlich. Aber wenn’s passiert, ist es irgendwann vergessen.

Recht auf Vergessen konsequent umgesetzt

Anders im Internet. Inhalte sind hier viele Jahre später noch immer auffindbar. Die eigenen Fehler und Fehltritte gehören dazu. Manchmal kann man sie selbst löschen, oftmals aber auch nicht. Weshalb der Europäische Gerichtshof schliesslich auch auf die Idee mit dem «Recht auf Vergessenwerden» kam: Man muss auch im digitales Zeitalter einmal Dinge hinter sich lassen können, so die Idee.

Und genau das ist das Fundament von Snapchat. Was man dort macht, ist nicht (unbedingt) für die Ewigkeit gedacht, sondern für den Moment. Es kann dadurch ungekünstelt und spontan sein. Unfertig. Nicht perfekt. Falsch. So wie im echten Leben: Ausserhalb des Internets werde ich doch auch nicht über Jahre für jeden Gesichtsausdruck, für jede geäusserte Meinung oder jeden Witz zur Rechenschaft gezogen. Snapchat ist Kommunikation mit und unter Freunden, wenn die gerade nicht da sind.

Snapchat kann eine grosse Zukunft haben

Natürlich ist Snapchat noch viel mehr. Zudem wächst es atemberaubend schnell und entwickelt sich stets weiter. Was vor noch nicht all zu langer Zeit als «Sexting»-App durch die Medien geisterte, wird nun plötzlich als Plattform für Nachrichten und Storys angesehen. Wer weiss, wohin es sich noch entwickeln wird? Wenn Snapchat-CEO Even Spiegel und seine Leute ähnlich schlau und geschickt sind wie Mark Zuckerbergs Truppe, ist so ziemlich alles möglich.

Redaktion der New York Times, 1942 (Bild: Library of Congress, Public Domain)

Redaktion der New York Times, 1942 (Bild: Library of Congress, Public Domain)

«Etwas zu verpassen ist vollkommen okay.»

Was viele Nutzer dabei am Anfang verwirrt (mich eingeschlossen), ist die ungewöhnliche Bedienung der App. Nachdem ich ein wenig mit ihr herum probiert habe, verstehe ich aber sehr gut, was den Reiz ausmacht. Ich muss eben mit der Zeit lernen, was ich wo finde. Habe ich das einmal intus, sind die Wischgesten eine sehr schnelle Art zu navigieren.

Am Anfang fühlte ich mich zudem gestresst, weil ich nicht darauf vorbereitet war, wie Snapchat funktioniert. Jetzt habe ich verinnerlicht, dass ich mir Fotos und Videos jeweils nur für eine kurze Zeit anschauen kann und auch dann nur einmal. Ebenfalls ungewöhnlich für mich: Etwas zu verpassen, ist vollkommen okay. Ein sehr ungewohntes Gefühl, bei Snapchat aber unvermeidlich.

Schnell, einfach, ungefiltert

Bei alldem bin ich kein Snapchat-Experte. Und das muss man auch nicht zwingend sein. Aber ich wollte die App doch zumindest soweit verstehen, dass ich den Hype besser nachvollziehen kann, den sie aktuell auslöst. Nicht zuletzt bin ich immer auf der Suche nach neuen Mitteln und Wegen für meinen Beruf des Journalisten. Ich finde das spannend. Und ein wenig besser verstehe ich das inzwischen auf jeden Fall.

Wie wichtig Snapchat in Zukunft für ernsthafte Berichterstattung wird, ist heute schwer zu sagen. Das hängt eben auch stark davon ab, wie das Unternehmen seine App weiterentwickelt. Das Potenzial ist aber in der Tat enorm. Etwas schnell, einfach und ungefiltert mitteilen zu wollen, sehe ich als ein verbreitetes Bedürfnis. Solche Nachrichten von interessanten Menschen, Freunden und anderen empfangen zu wollen, ebenfalls. Insofern könnte Snapchat tatsächlich auf der Spur von etwas Grossem sein.

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tl;dr

Schnell, einfach, ungefiltert. Snapchat hat einzigartige Eigenschaften – und Potenzial. Die nächsten Monate werden zeigen, wohin die Reise geht.

  • Veröffentlicht in: Web

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