Social-Media-Kanäle in «fremden Händen» – geht das?

Wie bringt man Print-Journalisten und -Journalistinnen dazu, sich mit Social Media auseinanderzusetzen? Ganz einfach: Man überlässt ihnen die Social-Media-Kanäle einer der auflagenstärksten Zeitungen der Schweiz. Ein Rückblick, zwei Learnings und drei To-Dos.

Reto Vogt Ressortleiter Migros Magazin.

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von Reto Vogt, Ressortleiter Online beim Migros-Magazin

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Die Redaktorinnen und Redaktoren des Migros-Magazins sind wortgewandt. Ihre langjährige Texterfahrung beschränkt sich in erster Linie auf Print und in zweiter Linie auf Online. In den sozialen Medien hingegen sind viele unerfahren, und nutzen die Kanäle auch privat nur selten. Grund genug, das zu ändern. Oder zumindest den Versuch zu starten.

Deshalb hat sich das Online-Team entschieden, das Facebook-, Twitter– und Google+-Zepter weiterzureichen, und jeden Redaktor und jede Redaktorin während jeweils einer Woche zur Betreuung der Social-Media-Kanäle zu verpflichten. In vollem Bewusstsein, dass das a) den eigenen Aufwand nicht mindert (im Gegenteil!) und b) einen Reichweiteneinbruch bedeuten kann. (Das war übrigens schon der Rückblick).

Zwei Learnings

1. Eine Woche ist zu kurz
Rückblickend gesehen sind sieben Tage zu kurz, um sich tiefer mit der Social-Media-Materie zu befassen. Es reicht knapp, um die Tools kennenzulernen und sie selbständig bedienen zu können. Und auch diese Erkenntnisse waren verpufft, sobald die Redaktor*innen wieder in ihren Alltag abtauchten. Fazit: Entweder müssen sie Facebook und Co. länger betreuen oder aber in einem kürzeren Rhythmus.

2. Verunsicherung ist immer präsent
Jede/e Redaktor*in hat die erhaltene Verantwortung ernst genommen, wurde aber vom Online-Team (resp. mir selbst) zu schnell in die Selbstständigkeit entlassen. Statt einem «Mach doch mal» wäre vermutlich das Modell «Betreutes Posten» besser geeignet. Denn die Unsicherheit, plötzlich ohne Kontrolle im Namen des Migros-Magazins kommunizieren zu können, war auch bei erfahrenen Journalist*innen spürbar.

Drei To-Dos

1. Immer wieder gern
Keine Sekunde habe ich den Entscheid bereut, die Verantwortung abzugeben. Eingerostete Abläufe wurden (zurecht) hinterfragt, neue Themen platziert und die Interaktion mit dem Publikum neu definiert. Das war jetzt PR-Sprech vom Feinsten, aber auch ich habe durch schlaue und berechtigte Fragen gelernt. Konkretes Beispiel: Themen aus dem MM-Archiv auch aufgreifen und posten, wenns zu aktuellen Diskussionen passt. Es muss nicht immer neu sein. Zur richtigen Zeit gut aufgewärmt, geht auch.

2. Vertrauen ist besser als Kontrolle
Mögliche Risiken: Shitstorm, Reichweitenverlust, Abstrafung von Facebook selbst. Trotzdem ist es richtig, Vertrauen zu schenken, und nicht bei jedem Posting kontrollierend (oder noch schlimmer: verändernd) einzuwirken. Die Kreativität muss gefördert und neue Ideen müssen zugelassen werden, um über die eigenen Grenzen hinauszublicken.

3. Zeit nehmen fürs Debriefing
Wie wars für dich? Hat es Spass gemacht, was hast du dabei gelernt und würdest du es gern wieder machen? Es ist essentiell, diese (und möglicherweise weitere Fragen) nach Ablauf der Social-Media-Woche abzuholen. Ohne dieses Feedback, das einerseits in die eigene Arbeit und andererseits in die SoMe-Erfahrungen des Kollegen einfliesst, ist die investierte Zeit umsonst.

Fazit: Eine gute Idee, fürs erste Mal aber zu kurz gedacht

  • Gerne wieder, aber länger. Jede/r Redaktor*in muss sich mindestens zwei Wochen, und zweimal statt einmal im Jahr mit den Social-Media-Kanälen des Migros-Magazins auseinandersetzen. Ebenfalls unerlässlich ist ein stärkeres privates Engagement auf den Kanälen.
  • Noch mehr Zeit einplanen. Das Social-Media-Team muss sich stärker engagieren, was Einführung, Betreuung und Nachbearbeitung der jeweiligen Social-Media-Wochen angeht. Sonst verpufft der Effekt der eigentlich sehr guten Idee viel zu schnell wieder, und man beginnt beim nächsten Anlauf wieder bei Null.

tl;dr

Ja, es geht, ist aber aufwändig.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Toller Test. Ich bin überzeugt, dass mit den neuen Möglichkeiten und So-Me viel mehr solche Versuche gemacht werden sollten. Man muss es halt einfach mal probieren.

  2. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Aber aus allen Wolken.
    Die Idee des «Betreutes Posten» scheint mir ein guter Ansatz zu sein, um die Bedenken und Unsicherheiten der Mitarbeiter zu mindern.

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