Videoproduktion mit dem Smartphone: Diese Hardware und Apps brauchst du

Smartphone Videoproduktion mit Stabilisierung

Wie gelingt eine Videoproduktion mit dem Smartphone? In diesem Artikel erzähle ich dir, mit welchem Zusatz-Equipment, mit welchen Apps und welchen Einstellungen deine mobile Videoproduktion zum Erfolg wird.

Smartphone Videoproduktion mit Stabilisierung

Bild: Michael Eugster | Videoproduktion mit dem Smartphone

Smartphones besitzen erstaunlich gute Videofunktionen und werden mit jeder Gerätegeneration besser. Eine Frage liegt auf der Hand: Warum dieses Potential nicht nutzen und Videos direkt mit dem Smartphone produzieren? Am letzten Content Production Day habe ich einen kurzen Videobeitrag komplett mit dem Smartphone gefilmt. Und weisst du was? Das kannst du auch! Wenn man die richtigen Apps und etwas Zusatzequipment verwendet, dann kommt die Produktion auf dem Smartphone nahe an professionelles Equipment. Man kann nicht den Kino-Look mit Tiefenunschärfe erwarten, aber einen soliden Videobeitrag kann man mit dem Smartphone produzieren. In diesem Artikel zeige ich, wie das geht. Folgende Punkte werde ich ansprechen:

Hardware:

Stabilisierung: Ein Gorilla-Stativ oder ein Gimbal

Neue Smartphones wie das Samsung Galaxy S8(+) oder das iPhone 7 bieten optische Bildstabilisierung. Das heisst, dass Videoaufnahmen, die «aus der Hand geschossen» werden, schon deutlich ruhiger wirken können als bei Geräten ohne dieses Hardware-Feature. Ein Tipp: Halte das Smartphone immer mit beiden Händen und strecke deine Arme etwas von dir weg, damit die Aufnahme ruhiger wird.

Stativ: Fertig mit Gewackel!

Wer ein schmales Budget hat, sollte auf jeden Fall zu einem Smartphone-Stativ greifen. Damit kann man Interviews führen und das Smartphone praktisch überall befestigen. Am bekanntesten ist das Gorillapod mit der Smartphone-Halterung.

Flüssige Bewegungen mit einem 3-Achsen-Gimbal

Wer etwas mehr Geld ausgeben möchte, der greift zu einem Gimbal. Denn so richtig flüssig werden Videoaufnahmen erst mit etwas Technik. Ein 3-Achsen-Gimbal stabilisiert die Videoaufnahmen deutlich flüssiger, als wenn man einfach «von Hand filmt». Seit einiger Zeit tummeln sich viele Anbieter in diesem Bereich:

Ton: Externes Mikrofon

Externes Mikrofon für Sprachaufnahmen

Bild: Michael Eugster | Ton extern Aufnehmen bringt einen massiven Mehrwert für den Zuschauer – aber bitte das Mikrofon etwas schöner anbringen als wir fürs Foto.

Ist der Ton in Ordnung, kann man schon mal über ein mittelmässiges Bild hinwegsehen. Wer Interviews führt oder selber im Video spricht, sollte ein externes Mikrofon einsetzen. Ich schalte sonst schnell wieder aus. Als Mikrofon fürs Smartphone gibt es viele Optionen, einige habe ich bereits selber getestet:

  • Ansteck-Mikrofon: Sennheiser ClipMic (mein Testbericht auf dem  Technikblog), ca. 199 CHF
    positiv: sehr gute Tonqualität
    negativ: nur kompatibel mit iOS-Geräten, besetzt den Lightning-Anschluss
  • Ansteck-Mikrofon: Røde smartLav+, ca. 60 CHF
    positiv: gutes Preis- / Leistungsverhältnis, gute Aufnahmequalität
    negativ: braucht einen Adapter, wenn das Smartphone keinen Klinkenanschluss mehr hat. Scheint nicht mit dem Apple Lightning-Audio-Adapter zu funktionieren.
  • Ansteck-Mikrofon: Sennheiser ew-112, ca. 600 CHF
    positiv: professionelle Tonqualität
    negativ: benötigt weitere Adapter für neue Smartphones ohne Kopfhörer-Eingang oder Klinke zu TRRS-Kabel, damit es mit anderen Smartphones funktioniert
  • «Videoblogger-Mikrofon»: Røde VideoMic Me, ca. 60 CHF
    positiv: braucht wenig Platz, wenig Gefummel, gut für Video-Blogging
    negativ: benötigt weitere Adapter für Smartphones ohne Klinken-Eingang, nicht für Interviews geeignet
  • Handmikrofon: iRic Mic HD 2, ca. 140€
    positiv: lässt sich über ein Micro-USB zu Lightning Kabel direkt am iPhone 7 anschliessen, hochwertiges Handmikrofon
    negativ: laut Hersteller nicht mit Android-Smartphones kompatibel

Neue Smartphones haben keinen Klinken-Anschluss mehr. Während man bei vorherigen Gerätegenerationen mehr oder weniger darauf gehen konnte, dass man externe Mikrofone noch über ein TRRS-Kabel anschliessen konnte, geht das heute nicht mehr ohne zusätzliche Adapter.

Am Content Production Day habe ich mit einem iPhone 7 gefilmt, und musste auf zwei Adapter zurückgreifen. Ich habe nach langer Recherche herausgefunden, dass es mit einem Apple Camera USB Adapter und einer USB-Audiosoundkarte funktioniert. Das Audiosignal kam auf dem Gerät an, jedoch war das Bild manchmal nicht synchron mit dem Ton. Das habe ich in der Nachbearbeitung korrigiert. Zufriedenstellend ist diese Adapter-Schlacht nicht, aber es funktioniert.

Software: Apps für bessere Videos

tinkla Smartphone Videproduktion

Bild: Michael Eugster | FilmicPro bietet viele manuelle Einstellungsmöglichkeiten

FiLMiC Pro / FiLMiC Plus: Mehr Optionen bei der Aufnahme

Die beste App für Film-Aufnahmen ist meiner Meinung nach FilmicPro (erhältlich für iOS und Android) und kostet ca. 15 CHF. Sie bietet viele manuelle Einstellungsmöglichkeiten, die man benötigt, wenn man mit seinem Smartphone Filme produzieren will. Ich nutze nur die iOS-Version, die Android-Version bietet aber die gleichen Funktionalitäten. Diese Einstellungen empfehle ich – und auch der Youtuber Parker Walbeck:

  • In maximaler Qualität aufnehmen: Die höchste Auflösung wählen, beim iPhone 7 4K, 2160p und als Bitrate «FiLMiC Extreme». Auch wenn man später nur Full-HD exportiert, erhält man mehr Möglichkeiten in der Nachbearbeitung und bessere Qualität.
  • Bildrate: Kinofilme werden mit 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen. Historisch bedingt werden Filme in Europa wegen dem PAL-Standard in 25fps produziert, in Nordamerika wegen NTSC mit 30fps. Ich arbeite in der Regel mit 25fps.
  • Autofokus abschalten: FiLMiC Pro bietet die Möglichkeit, den Fokus auf einen bestimmten Punkt zu setzen und ihn anschliessend zu sperren. Gerade bei Interviews praktisch, wenn man den Fokus immer auf dem gleichen Ort haben möchte. Bei meinen Interviews am Content Production Day habe ich den Fokus nicht gesperrt, weshalb der Autofokus manchmal den Hintergrund scharfgestellt hat anstatt die interviewte Person – eigentlich ein Anfänger-Fehler. ;-)
  • Weissabgleich: Die App erlaubt es, den Weissabgleich auf einen bestimmten Wert zu sperren. Das verhindert, dass eine Aufnahme sehr warm, und die nächste Aufnahme am gleichen Ort plötzlich sehr kalt erscheint.
  • Audioformat: Um die Nachbearbeitung zu vereinfachen, eignet sich das AAC-Audioformat.
  • Stabilisieren: Wer ein Gimbal verwendet, sollte die Stabilisierung ausschalten, damit sich die Smartphone-Stabilisierung nicht mit derjenigen vom Gimbal beisst. FiLMiC unterstützt zudem Dritthersteller. Man kann die Verwendung der DJI Osmo Mobile aktivieren und sie direkt steuern.
  • Wahl des Kameraobjektivs: Wer ein Smartphone mit mehreren Objektiven besitzt, kann mit FiLMiC Pro nicht nur zwischen Front- und Selfieobjektiv hin- und herschalten, sondern wie z.B. beim iPhone 7 Plus auch zwischen der weitwinkligen und näheren Objektiv.

Videos auf dem Smartphone / Tablet bearbeiten?

Videoproduktion mit Pinnacle Studio Pro

Bild: Michael Eugster | Videoschnitt mit Pinnacle Studio Pro auf dem Tablet oder dem Smartphone

Wer die ganze Videoproduktion noch auf die Spitze treiben möchte, der kann das Filmmaterial gleich auf seinem Smartphone oder Tablet bearbeiten. Besitzt man ein Gerät aus dem Hause Apple, liegt der Griff zu iMovie nahe. Wer etwas mehr Optionen haben möchte, der greift zu Pinnacle Studio Pro für 13 CHF. Für Android-User gibt’s für ähnlich viel Geld ebenfalls Anwendungen wie VideoPad, die ich aber nicht getestet habe. Doch so schön das klingt: Einfacher und besser wird das Ergebnis mit einer Videoschnitt-Software am Computer – zudem ist man deutlich schneller, wenn man die gefilmten Clips am Computer zusammenschneidet. Ich verwende dazu Adobe Premiere, aber man kann günstigere Software (Final Cut Pro, iMovie, Pinnacle Studio, Magix Video Deluxe und viele mehr …) oder kostenlose Filmschnitt-Software (z.B. MacOS / Windows: Shotcut oder HitFilm Express oder für Linux: kdenlive) verwenden.

 

Produzierst du auch Videos mit Smartphones? Was sind deine Erfahrungen? Welches Equipment und welche Apps verwendest du?

tl;dr

Wer bessere Videos mit dem Smartphone produzieren möchte, beachtet diese Tipps:

  • Aufnahme Stabilisieren, z.B. mit einem Gimbal.
  • Ton mit externem Mikrofon aufnehmen.
  • Apps mit mehr Einstellungsmöglichkeiten zur Videoaufnahme verwenden, und diese auch nutzen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Michael. Spannender Beitrag. Bei mir funktioniert das SmartLav+ mit dem Kopfhörer-Adapter und dem iPhone 7 Plus. Ich habe aber schon von einigen Leuten gehört, bei denen es nicht funktioniert.

    Eine gute Alternative ist das iRig Mic Lav. Das hat zusätzlich eine Kopfhörerbuchse (Klinken). Zusammen mit der Filmic Pro App kann ich beim Interview mithören. Damit habe ich die Kontrolle über den Ton. Es ist sogar möglich ein zweites iRig Mic Lav anzuschliessen, für Interviews eine geniale Lösung.

  2. Salü Judith

    Danke für deinen Input. Schon schräg, dass das die Mikrofone bei mir nicht mit dem mitgelieferten Adapter funktionieren. An einem iPhone 7+ habe ich es bis jetzt noch nie ausprobieren können – vielleicht ist es auch geräteabhängig.

    Danke für den Tipp mit dem iRig Mic Lav. Das Mithören kann beim Interview machen wirklich praktisch; ich konnte das mit meiner Adapter/Soundkarte-Lösung ebenfalls, da es einen Kopfhörerausgang gab.

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