Warum Sie sich bereits heute mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen sollten

Computer übernehmen mehr und mehr Aufgaben, die man ihnen noch vor einigen Jahren nicht zugetraut hätte oder die selbst Experten für unerreichbar hielten. Was vielen aber nicht bewusst ist: Diese Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz (KI) werden in den nächsten Jahren beeinflussen und verändern, was wir heute als Internet kennen – ob nun unterwegs, auf der Couch oder am Schreibtisch. Und damit wird sich auch wandeln, wie Unternehmen und Kunden zueinander finden.

Jan Tissler

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von Jan Tißler, freier Tech-Journalist in San Francisco, Mit-Herausgeber UPLOAD Magazin

 

In den Schlagzeilen landen in der Regel die spektakulären Erfolge der KI, die auf den ersten Blick wenig damit zu tun haben, welche Rolle in Zukunft Websites, Online Stores oder Apps spielen. Man denke hier an Googles «AlphaGo», das das komplexe und traditionsreiche Spiel «Go» gemeistert hat, obwohl selbst Experten das für schwer erreichbar hielten. Ein anderes konkretes Beispiel sind selbstfahrende Autos. Erst kürzlich fuhren automatisierte LKW-Kolonnen quer durch Europa, bei denen nur der jeweils vorderste Laster einen menschlichen Fahrer hatte.

Statt Browser oder App einfach den Echo fragen

Warum aber sehen manche Experten nun KI als nächste große Plattform nach dem Web und Apps? Das wird etwas klarer, wenn man sich Amazons «Echo» anschaut. Dieser unauffällige Lautsprecher ist mit dem Internet verbunden und lässt sich mit Amazons Sprachassistenten «Alexa» nutzen. Eine Stärke des Systems ist, dass Drittanbieter dem Echo neue Tricks beibringen können. Er ist als Plattform angelegt, die jedes interessierte Unternehmen nutzen kann.

So unauffällig wie wegweisend: Amazons «Echo» (Foto: Spotify)

So unauffällig wie wegweisend: Amazons «Echo» (Foto: Spotify)

Und das bedeutet, dass es für viele Aufgaben nicht mehr notwendig ist, einen Browser oder eine App zu öffnen. Man fragt einfach seinen Echo und er hat (meistens) eine Antwort parat. Das soll nebenbei bemerkt erstaunlich gut funktionieren. Die Berichterstattung in der Techpresse hat sich dahingehend sehr schnell gewandelt: Was am Anfang noch als «seltsames Produkt» abgestempelt wurde, gilt inzwischen vielerorts als Zukunft. Google hat zwischenzeitlich mit «Home» ein sehr ähnliches Produkt vorgestellt. Apple soll laut Gerüchten ebenfalls daran arbeiten.

Schlaue Chatbots stets zu Diensten

Ein anderes Beispiel dafür, wie KI das digitale Business verändern könnte: Messenger mit Chatbots. Sich mit einem Automaten per Text zu unterhalten, ist dabei nichts Neues. Aber inzwischen haben die Systeme dahinter eine Qualität erreicht, dass sie tatsächlich nützlich sein könnten. Ein Anwendungsbeispiel aus der Praxis: Anstatt sich für das Hotelzimmer durch ein langes Formular und viele Ergebnisse zu klicken, kann der Nutzer das nebenher im Zwiegespräch in einem Messenger der eigenen Wahl erledigen. Hier sorgt die künstliche Intelligenz im Hintergrund dafür, die Nutzereingaben zu interpretieren, im nächsten Schritt die notwendigen Informationen zu suchen und die Ergebnisse wiederum in einen lesbaren und verständlichen Text zu verwandeln.

Solche Systeme werden bereits heute pro-aktiv: Sie melden sich zu Wort, wenn sie etwas Nützliches beizutragen haben. Das mag so manchen an Microsofts ungeliebten Office-Assistenten «Clippy» erinnern. Die Macher versprechen aber, dass ihre heutigen Systeme sehr viel schlauer sind als die oberschlaue Büroklammer von damals. Die Idee ist jeweils: Fragen beantworten, bevor der Nutzer sie gestellt hat. Einbezogen werden hier Gewohnheiten, Ortsdaten, Kalendereinträge, Informationen aus der Mail-Inbox und einiges mehr. Die Diskussion um die Privatsphäre der Nutzer kommt hier natürlich sofort auf, steht aber erst einmal auf einem anderen Blatt. «Google Now» ist ein Beispiel für einen solchen Assistenten, der sich standardmäßig auf Android-Smartphones findet. Apples Siri hat sich zuletzt ebenfalls in diese Richtung entwickelt.

Um es zusammenzufassen: Durch die Fortschritte in der künstlichen Intelligenz werden sich Benutzeroberflächen verändern oder wie im Fall des Amazon Echo sogar komplett unsichtbar werden. Und das wirkt sich in der Folge darauf aus, wie (potenzielle) Kunden und Unternehmen zusammenfinden. Insofern ist es auf jeden Fall entscheidend, diesen Bereich sehr aufmerksam zu verfolgen, auch wenn Websites und Apps deshalb nicht von heute auf morgen unwichtig werden. Der Wandel könnte hier aber ähnlich radikale Auswirkungen haben wie der Trend zum Mobile Web und Apps.

Googles RankBrain verändert die Suchmaschinen-Optimierung

Zugleich wird bereits heute das klassische Web durch KI verändert. Der Grund: Google hat mit dem «RankBrain» ein selbstlernendes, künstlich-intelligentes System entwickelt, das inzwischen bei jeder Suchanfrage zum Einsatz kommt. Die Suchmaschine hat erklärt, dass es derzeit das drittwichtigste Signal für sie ist. An erster Stelle stehen weiterhin die Links, die auf einen Inhalt zeigen. Auf dem zweiten Platz findet sich der Inhalt selbst. Insgesamt soll es mehr als hundert weitere Faktoren geben, nach denen Google seine Suchergebnisse sortiert. Wie genau das funktioniert, erklärt Google weiterhin nicht, um Manipulationen zu erschweren.

Googles RankBrain sorgt nun dafür, dass die Suchmaschine wesentlich besser als bisher natürliche Sprache versteht. Sie erkennt damit zum Beispiel eher, welche Suchanfragen an sich dasselbe Ziel verfolgen, auch wenn die Nutzer sie sehr unterschiedlich formulieren. Seine große Stärke spielt RankBrain offenbar dann aus, wenn es um eine vollkommen neue Suchanfrage geht und das sollen immerhin 15 Prozent sein.

Mit diesem neuen Helfer kommt Google seinem Ziel näher: Die Suchmaschine soll Websites so beurteilen, wie auch ein Mensch es würde – aber eben in einer «unmenschlichen» Geschwindigkeit, Präzision und Unermüdlichkeit. Für Website-Betreiber bedeutet es, dass es künftig wohl noch mehr als bisher um gut gemachte und hilfreiche Inhalte geht.

  • Veröffentlicht in: Web

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